Mitte April feierte das Bundesland Niederösterreich Abschied und Ankunft zugleich. Mochte man vorher noch glauben, die kalendarische Nähe zum christlichen Osterfest sei zufällig entstanden, wird spätestens im Dankgottesdienst für den scheidenden Landeshauptmann klar: Der Heiland war, ist und bleibt in unserer Mitte.

Nun sind Dankgottesdienste – je nach Kontext – nichts Verwerfliches, auch ist es nicht grundsätzlich bedenklich, verdienten Personen in einem spirituell-liturgischen Kontext zu danken, der Vergangenheit zu gedenken und für eine gute Zukunft zu bitten. Schon vorab berichtete der Falter allerdings über das – freundlich formuliert – eigenartige Liturgieverständnis der niederösterreichischen Volkspartei, die den Gottesdienst veranstaltete. Für den Dankgottesdienst, der zu Ehren Erwin Prölls gefeiert werden sollte, verfasste die schwarze Landtagsdirektion vorgefertigte Fürbitten, die von Vertreter/innen aller Parteien des Landtags vorgelesen werden durften. Sollten. Oder mussten? Die ÖVP, so Florian Klenk pointiert, bittete dabei für die politischen Machthaber des Landes – also in erster Linie für sich selbst.

Im Zentrum der Feier stand allerdings naturgemäß weniger die Partei, sondern jene Person, die in der katholischen Liturgie gerne „in unsre Mitte“ gerufen wird: Der Messias höchstpersönlich. Während der christliche Glaube allerdings darauf beruht, dass dieser im Grunde immer dort schon unter uns ist, wo sich zwei oder drei in seinem Namen versammeln, nahm Erwin Pröll seine Epiphanie gleich selbst in die Hand: Er war da, leibhaftig. Bernhard Backovsky, Propst Stiftes Klosterneuburg, immerhin einer der größten Grundbesitzer Niederösterreichs, sah sich und die versammelte Gemeinschaft begnadet: „Danke, dass du in unserer Mitte bist!“.

Seinem katechetischen Auftrag, der versammelten Gemeinschaft das Evangelium zu verkünden, kam der Propst schließlich in einer ganz besonderen theologischen Auslegung des Osterereignisses nach: Das Auftreten Erwin Prölls habe Niederösterreich auferstehen lassen, und: „Das vergangene Osterfest war von deinem Namen geprägt“. War er also wieder da, und wir haben ihn nicht erkannt, wie einst die Jünger den Auferstandenen?

Eine Glorifizierung Erwin Prölls ist nichts Neues, und doch wirft die finale Heiligsprechung seiner selbst und damit auch seiner Amtszeit große Fragen auf: Wovon genau ist Niederösterreich auferstanden? Markiert die zelerbrierte Wiederkehr des Erlösers samt dokumentierter Wundertaten nun endlich den Anbruch der so lange erwarteten Endzeit? Und welche institutionelle Form soll die neue Kirche nun annehmen, da sie ihren Heiland nun letztlich doch erkannt und weiterhin in ihrer Mitte hat? Oder ist es nicht doch eine ziemliche Verballhornung des Kerns christlichen Glaubens, Goldene Stiere anzubeten?

Im Ernst: Man mag von Erwin Prölls politischen Verdiensten halten, was man will. Seine Errungenschaften sind (nicht ganz) genauso gut dokumentiert wie seine zweifelhaften Aussagen und Agitationen zwischen geistlichen Belehrungen, jugendlichen Winzerköniginnen und sicherheitspolizeilichen Einsätzen in seinem Domizil. Das alles scheint die katholische Elite Niederösterreichs allerdings nicht davon abzuhalten, pauschal die Sanktifizierung seiner Ära zu betreiben und Erwin Pröll in den Status eines Landesheiligen zu erheben.

Wo bleiben Aufschrei und Distanzierung (nieder)österreichischer Katholik/innen, die sonst sehr schnell und besonders laut erschallen, wenn es um religiöse Symbole und Handlungen in der Öffentlichkeit geht? Die Verschmelzung schwarzer Politik und kirchlichem Segen zeigt einmal mehr, dass es in bürgerlichen Kreisen immer dann um die Trennung von Religion und Staat geht, wenn Kopftücher im Spiel sind. Kahlköpfige Erlösergestalten sind davon defintiv ausgenommen. 

Quelle & Leseempfehlung: „Des Fürsten letzter Tag“ – Lukas Matzinger im Falter 17/2017, Printausgabe S. 14.